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Full text of "Rudolf Agricola"

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Friedrich von 
Bezold 



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FROM THE 

LUCY OSGOOD KUND 

"To purchase such books as shall be most 

needed for the College Library, so as 

best to promote the objects 

of the College." 




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9 



Rudolf Agricola 

ein deutscher Vertreter der italienischen Renaissance. 



Festrede 

zur 

Vorfeier des Allerhöchsten Geburts- und Namensfestes 
Seiner Majestät des Königs Ludwig II. 

gehalten in der 

öffentlichen Sitzung der k. Akademie der Wissenschaften zu München 

am 85. Juli 1884 

von 

Friedrich von Bezold 

a. o. Mitglied der historischen Classe der k. Akademie. 



München 1884. 

Im Verlane der k. b. Akademie. 



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„Agricola hätte in Italien der Erste sein können, aber er zog 
Deutschland vor." So lautet das Urteil des Erasmus J ), der bekannt- 
lich mit seinem Lobe äusserst sparsam und vorsichtig war. Und 
mit einer seltenen Einstimmigkeit hat die humanistische Tradition 
den Namen des friesischen Gelehrten verherrlicht. Dass aber selbst 
ein paar hervorragende Italiener neidlos die gleiche Bewunderung 
für den Nordländer eingestanden, muss uns ernstlich auffallen. Denn 
wenn wir Agricola's Schriften ansehen, vermögen wir uns eines Er- 
staunens über so allgemeine und rückhaltlose Anerkennung nicht 
wohl zu entschlagen. Einige Uebersetzungen aus dem Griechischen, 
ein paar lateinische Gedichte, wenige Briefe und Reden, eine Ab- 
handlung de inventione dialectica, eine kurze Biographie Petrarka's, 
das ist Alles. Und darunter nichts, was für ganz aussergewöhnlich 
gelten könnte. 

Die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs ist nun längst ge- 
funden. Jene Bewunderung galt im Grunde nicht den Schriften, 
sondernder Persönlichkeit. Im lebendigen Verkehr, nicht mit der 
Feder hat sich Agricola die Herzen erobert; sein literarischer Ruhm 
ist noch Generationen lang durch die Erinnerung an den bedeuten- 
den und liebenswürdigen Menschen getragen und gesteigert worden. 
Diese Erinnerung möchte ich hier auffrischen; meine Absicht geht 



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nicht auf eine Feststellung der noch vielfach unsicheren biographi- 
schen Daten, auch nicht auf eine Würdigung von Agricola's Schriften, 
sondern auf eine freilich nur flüchtige Zeichnung der originellen, 
frei entwickelten Persönlichkeit. Dass er sich das Wesen der Re- 
naissance, der neuen italienischen Kultur wirklich zu eigen gemacht 
hat, ohne seine deutsche Art dabei zu verlieren, das liegt schon in 
jenen Worten des Erasmus und ist an und für sich etwas Grosses. 
Und nur wenige von den deutschen Aposteln dieser Kultur haben 
ihren innersten Kern, die Befreiung des Menschen von den lang- 
gewohnten Fesseln und Umhüllungen so gründlich erkannt wie 
Agricola. 

Die Uebertragung einer Kultur von Volk zu Volk, oder sagen 
wir ihre Invasion in fremdes Gebiet, ist immer und überall, wo wir 
sie zu beobachten vermögen, ein höchst interessantes Schauspiel. 
Man kann nun freilich den Italienern der Renaissancezeit nicht 
nachsagen, dass sie diese friedliche Eroberung besonders lebhaft 
betrieben hätten. Das aristokratische Gefühl einer angeborenen 
Ueberlegeriheit war bei ihnen durch Jahrhunderte des materiellen 
Verfalls und der geistigen Verwilderung nicht zerstört worden; jetzt 
erhob es sich mächtiger als je. Der bewusste Gegensatz zu den 
Nichtitalienern, den Ultramontanen, den Barbaren musste durch den 
wirtschaftlichen Aufschwung, die Verfeinerung der Sitten, die Blüte 
der Literatur und der Künste ausserordentlich verschärft werden. 
„Es pflegen", sagt ein florentinischer Autor des XV. Jahrhunderts, 
„die meisten von diesen Ultramontanen wenig Geist zu haben" 2 ). 
Keiner andern Nation aber standen die Italiener schroffer gegenüber 
als der deutschen. Ich kann hier die uralten gegenseitigen Vor- 
würfe der beiden Völker nur flüchtig berühren; hegen doch noch 
heutzutage, bei aller Steigerung des Verkehrs, benachbarte Nationen 
eine von der anderen und jede über sich selbst die wunderlichsten 
Vorstellungen. Es war schon ein hoher Grad von Objektivität, 
wenn man in Italien die deutsche Schwerfälligkeit entschuldigend 



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auf die Ungunst der nordischen Landesnatur zurückführte. „ Dieses 
allzu kalte Klima macht die Geister stumpf, so dass sie ausser 
Stande sind, das Grosse und Erkennenswerte zu fassen" 3 ). Ueberall 
finden wir die vollkommen feststehende Ueberzeugung von der 
geistigen Inferiorität der Deutschen. Wenn auch manche Beobachter 
unparteiisch genug waren, die physische Kraft und kriegerische Be- 
gabung oder auch die höhere Religiosität der unsympathischen Race 
gelten zu lassen, so verstand es sich doch von selber, dass eine 
völlige Harmonie von Körper und Geist, eine gleichmässige Ent- 
wicklung aller im Menschen ruhenden Fähigkeiten nur unter dem 
glücklichen Himmel Italiens möglich sei. 

Die Italiener hatten in der That ein gutes Recht auf die Fülle 
von durchgebildeten Persönlichkeiten stolz zu sein, deren fesselnde 
Züge uns noch heute aus den schriftlichen und vor Allem aus den 
künstlerischen Denkmalen des XV. Jahrhunderts entgegenblicken. 
Das allmähliche Freiwerden der Individualität spiegelt sich nirgends 
klarer als in der wachsenden Bedeutung der Biographien und Me- 
moiren auf literarischem Gebiete und des Porträts in der bildenden 
Kunst. Während des Mittelalters lassen die Lebensbeschreibungen 
wie die bildlichen Darstellungen in der Regel, wenn auch nicht 
ausnahmslos, das Persönliche, Charakteristische fast ganz zurück- 
treten; sie bieten uns häufig nur verkörperte Begriffe, mehr oder 
minder vollkommene Typen. Es ist der Kaiser, der Papst, der 
Mönch, der Ritter, der uns vorgestellt wird; unter den conventio- 
neilen Falten der geistlichen oder kriegerischen Gewandung ver- 
schwinden die Umrisse des Menschen, der eben nur als Träger 
der Krone, der Kutte, der ritterlichen Waffenzier Interesse erregt 4 ). 
Denn das Leben und Wesen der unritterlichen Laien erschien vol- 
lends nicht der Beachtung wert. Diesen mönchisch - ritterlichen 
Massstab hat nun die Renaissance zerbrochen und weggeworfen. 
Dante und Petrarka waren schon ihren Zeitgenossen grosse Menschen, 
die sich nicht mehr unter eine der herkömmlichen Rubriken zwängen 



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Hessen; ihr Name durfte für sich allein auftreten, ohne die früher 
unerlässliche Legitimation einer Genossenschaft. Wer hätte wagen 
können, mit irgend einem gangbaren Berufs- oder Standestitel ihre 
Stellung auszudrücken? Von da ab beginnt und wächst zuerst in 
Italien die Schaar der Männer, die nicht dies oder jenes, sondern 
ganze Menschen sein wollten. Ein Streben, das sich bei Einzelnen 
beinahe oder wirklich zum Ideal der Allseitigkeit erhoben hat. Aber 
es barg auch grosse Gefahren in sich. Man gewöhnte sich doch 
daran, die originelle und ihrem innersten Wesen gemäss entwickelte 
Persönlichkeit als Kunstwerk zu betrachten, auch wenn diese Ent- 
wicklung allen sittlichen Anforderungen Hohn sprach. Selbst Laster 
und Verbrechen im grossen Stil fanden ihre Bewunderer. Und neben 
den Gewaltigen, deren Willenskraft und Erfolge Alles verzeihlich 
erscheinen Hessen, stehen die Schauenden, die Geister, die nur sich 
und ihren Neigungen leben, von der Welt, dem Gegenstand ihrer 
Betrachtung, nicht störend berührt sein wollen. 

Zu diesen letzteren zählt nun Agricola. Seine Freiheit, d. h. 
das Vermeiden jedes äussern Zwanges und jeder dauernden Ver- 
pflichtung geht ihm über Alles; selten hat jemand den Gegenstand 
zu der früheren strengen Gebundenheit der Lebensformen so weit 
getrieben wie er. Dabei war kein Geringerer als Petrarka, der 
„erste moderne Mensch", sein auserwähltes Vorbild 5 ). Er ist aber 
nicht nur ein sprechendes Beispiel für diesen neuerwachten Trieb 
nach Unabhängigkeit, sondern auch dadurch sehr merkwürdig, dass 
er der Nordländer, der Gelehrte dem italienischen Ideal der har- 
monisch ausgebildeten Persönlichkeit nachgegangen und nahegekom- 
men ist. Diese Seiten seines Wesens sollen hier etwas näher be- 
leuchtet werden; dass wir von seiner Eigenart überhaupt etwas 
genauere Kenntnis haben, verdanken wir vor Allem der liebevollen 
Beobachtung deutscher Freunde. Seine Biographien 6 ) zeigen uns, 
wie man auch nördlich der Alpen den Menschen zu betrachten und 
zu charakterisieren lernte. 



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Roelef Huisman, der nachmalige Rodolphus Agricola, war von 
bescheidener Herkunft und hat niemals eine äusserlich glänzende 
Stellung eingenommen. Geboren in einem Dorfe bei Groningen 
(1443) 7 ), sollte er als ein aufgewecktes und frühreifes Kind, wie 
sich das beinahe von selbst verstand, geistlich werden. Nachdem 
er in Löwen und Paris scholastische Philosophie und Theologie 
studiert hatte, zog er, statt die Früchte dieser Studien zu ernten 
und sich eine gesicherte Existenz zu gründen, nach Italien. Zeit- 
lebens ist ihm, das Streben nach materiellem Vorteil gänzlich 
fremd geblieben; er hat keine von den zahlreichen Gelegenheiten 
ergriffen, die sich ihm darboten. Sein bereits in Löwen erwecktes 
Interesse an der klassischen Literatur führte ihn über die Alpen 
und hier fand er, was seiner innersten Natur entsprach, ein Dasein 
voll geistiger Anregung und ohne beschwerliche Verpflichtungen, 
eine glückliche Verbindung von Arbeit und Genuss, von Wissenschaft, 
Kunst und schöner Geselligkeit. Die entscheidenden Lebensjahre, 
vom Ende der Zwanziger bis über die Mitte der Dreissiger, brachte 
er in Italien zu, hauptsächlich in Pavia, wo er eigentlich Juris- 
prudenz studieren sollte, und am Hofe zu Ferrara; hier trat er als 
trefflicher Orgelspieler in die herzogliche Kapelle 8 ), während er sich 
zugleich mit Feuereifer auf das Griechische warf und durch die 
Eleganz seines lateinischen Vortrages selbst die anspruchsvollen 
Italiener entzückte. Es waren keine Geister ersten Ranges, die 
damaligen Rhetoren, Poeten und Philosophen Ferrara's, aber als 
Agricola endlich in die Heimat zurückkehrte, empfand er doch den 
Abstand sehr tief und musste wie Dürer und mancher andere Nord- 
länder „nach der Sonnen frieren"^ Vergebens suchte man hier und 
dort, in Groningen, Antwerpen, am burgundischen Hofe den be- 
rühmten Landsmann zu fesseln, bis es den Bemühungen eines Dal- 
berg gelang, ihn nach Heidelberg zu ziehen. Hier wirkte er, vom 
Kurfürsten Philipp hochgeehrt, nicht ganz drei Jahre ; zurückgekehrt 



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8 

von einer Romreise, die er mit seinem Gönner Dalberg unternahm, 
starb er am 28. Oktober 1485. 

„Die Götter oder die Gestirne", sagt echt humanistisch der 
Italiener Jovius, „haben diesen reich begabten Menschen der Erde 
nur gezeigt und mitten in seiner herrlichsten Entfaltung wieder ent- 
rissen". Den Eindruck einer vornehm angelegten Natur, den wir aus 
den spärlichen Ueberresten von Agricola's Korrespondenz empfangen, 
schöpften die Zeitgenossen unmittelbar schon aus seiner äusseren 
Erscheinung. Hierauf legte das starke künstlerische Gefühl der 
Renaissance einen sehr hohen Wert; auch Agricola bekennt sich in 
seiner Biographie Petrarka's offen zu der Ansicht, dass die Leiblich- 
keit des Menschen durchaus nichts Gleichgültiges sei; innere Treff- 
lichkeit könne durch Schönheit noch gehoben werden, wogegen man 
die von der Natur Gezeichneten zu meiden habe 9 ). Er selbst war eine 
echt friesische Gestalt, hochgewachsen, breitschultrig, mit grossen, 
nicht eben schönen, aber energischen Gesichtszügen; sein Heidel- 
berger Biograph vergisst nicht beizufügen, dass er kastanienbraunes, 
etwas dünnes Haar und sehr schöne Hände hatte 10 ). Agricola's 
leidenschaftliche Hingabe an die Studien ging niemals so weit, dass 
er die körperliche Ausbildung darüber versäumt hätte. Im Stein- 
stossen, in allen Arten der Fechtkunst, im Ballspiel übte er seine 
Kraft und Gewandtheit bis zur Meisterschaft. „Sein Gliederbau war 
vom Kopf bis zu den Füssen tadellos proportioniert und die ganze 
Gestalt durchaus ansehnlich", sein Antlitz voll Würde und Freund- 
lichkeit. So repräsentierte er schon äusserlich jenes Ideal des an 
Geist und Körper gleichmässig entwickelten Menschen, ein Ideal, 
das dem früheren mönchischen Gelehrtentum nicht minder fern lag 
als der späteren Verkrüppelung des Humanismus, der Schulmeisterei. 
Dass er sich einfach und geschmackvoll zu kleiden wusste, wird 
von den Biographen nicht übersehen, ebensowenig aber seine üble 
Gewohnheit im Eifer des Nachdenkens an den Nägeln zu beissen 10 ). 
Wie der eigenthümliche Realismus der gleichzeitigen Malerei uns 



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keine Warze und kein Fältchen eines Gesichtes erspart, so bemerkt 
und vermerkt auch das literarische Porträt die kleinsten Züge, die 
zur Individualisierung beitragen. 

Das ganze Auftreten des Mannes, diese Verbindung von natür- 
licher Anmut mit einer gewissen Nachlässigkeit vereint eine musica 
natura, wie man damals sagte, wir würden sagen eine Künstlernatur. 
Sein ungewöhnliches Formtalent äusserte sich auf den verschiedensten 
Gebieten. Er beherrschte eine Reihe von Sprachen; seine Lebens- 
arbeit galt dem Lateinischen und Griechischen, zuletzt auch dem 
Hebräischen, aber daneben machte er sich das Hoch- und Nieder- 
deutsche, das Französische, mehrere Dialecte des Italienischen 
mit der grössten Sorgfalt zu eigen, und zwar nicht, wie man sie 
gewöhnlich zu lernen und zu üben pflegt, um sich im täglichen 
Leben durchhelfen zu können, sondern er vermochte sie alle in ge- 
bundener wie in ungebundener Rede frei und elegant zu handhaben. 
Die Reinheit seiner lateinischen Aussprache und die vollendete Kunst 
seines Vortrags schützte ihn vor dem Spott der Italiener, der sonst den 
lateinisch redenden Barbaren unfehlbar traf und selbst einen Meister 
wie Erasinus abhielt, sich in Italien öffentlich hören zu lassen 11 ). 
Agricola war nun freilich durch und durch musikalisch, Virtuos auf 
der Orgel, Laute und Flöte, ein trefflicher Sänger, der sogar das 
Hinderniss eines rauhen und empfindlichen Organs zu überwinden 
verstand, ein gewiegter Theoretiker und beliebter Komponist, ge- 
legentlich wohl gar Orgelbauer 12 ). Er macht einmal feine Be- 
merkungen über die wunderbare Raschheit des Vorgangs, der 
beim prima vista Spielen des Organisten die rein mechanischen Be- 
wegungen der Hände und Füsse scheinbar ganz gleichzeitig mit dem 
Notenlesen eintreten lässt. 

Damals wie heute war die Musik recht eigentlich die gesellige 
Kunst; als Musiker gewann Agricola zuerst den Beifall der Italiener, 
als Dichter und Sänger bezauberte er die Frauen, die dem schönen 
stattlichen Mann ohnedies sehr freundlich entgegenkamen. Seine 

2 



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10 

Biographen schreiben ihm einstimmig einen tadellosen Lebenswandel 
zu, aber er war nicht etwa ein Verächter des weiblichen Geschlechts. 
Er dachte sogar bestimmt daran zu heiraten, doch fühlte er ganz 
richtig, dass seine tiefe Abneigung gegen jede Störung, jede Beein- 
trächtigung seiner Selbständigkeit sich schlecht damit vertragen würde. 
Dagegen war ihm der Verkehr mit geistig hochstehenden Frauen 
Bedürfnis ; er korrespondierte gerne mit ihnen und gefiel sich darin 
seine poetischen Huldigungen im Kreise der gefeierten Schönen selbst 
vorzutragen. Noch im XVI. Jahrhundert lebten manche von seinen 
Weisen fort. 13 ) 

In der Musik behaupteten damals die Niederländer unbestritten 
den ersten Platz, aber auch die bildende Kunst der Heimat musste 
einen so empfänglichen Geist wie Agricola mächtig anregen. Seine 
Jugendübung in der Kalligraphie bahnte ihm den Weg zur Malerei, 
die er wie die Musik mit wahrer Leidenschaft betrieb. Die Lob- 
sprüche nordischer und italienischer Freunde berechtigen uns doch 
zu der Annahme, dass er in dieser bei Gelehrten höchst seltenen 
Kunst wirklich Tüchtiges geleistet habe. Wie er auch darüber nach- 
dachte, geht aus verschiedenen Stellen seiner Schriften hervor und 
entspricht ganz der damaligen Gepflogenheit, neben der Praxis die 
Theorie nicht zu vernachlässigen. Er kennt nicht nur die Perspek- 
tive, sondern spricht auch mit vollem Verständnis von den Körper- 
proportionen, 14 ) lange bevor die Spuren der Renaissance in der 
deutschen Kunst sichtbar werden. „Wenn nicht alle Glieder des 
Leibes," sagt er, „gehörig angeordnet sind, wenn sie nicht die 
richtige Gestalt und Grösse haben, so ist aller Schmuck, womit man 
sie umgiebt, vergebens; der Körper wird zu diesem Schmuck in 
einem schreienden Gegensatz stehen und seine Missgestalt durch die 
äussere Zier nur noch hervorgehoben werden." In seiner Ueber- 
sicht der Studien berührt er auch die Theorie der Baukunst, Malerei 
und Plastik als zu einer vollkommenen Durchbildung gehörig. Aber 
er kommt mit vollem Recht darauf zurück, alle Theorie und alle 



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11 

Unterweisung des Lehrers sei gegenüber dem eigenen Versuch von 
verschwindendem Wert; man müsse eben selbst Hand anlegen, viel 
vergebliche Mühe daran wenden, erst viel Stümperhaftes machen, 
um ein Maler werden und etwas Rechtes machen zu können. Agricola 
besass ein Formengedächtnis wie wenige; er liebte es unterwegs, 
ohne Nachhülfe einer Skizze seine Eindrücke zu sammeln und im 
Kopf nach Hause zu tragen. Wenn er einen Menschen malen wollte, 
sagt sein Biograph, beobachtete er ihn heimlich in der Kirche 
während der Messe mit gespannter Aufmerksamkeit und warf dann 
zu Haus eine sprechend ähnliche Kohlenzeichnung hin; „man glaubte 
in diesen stummen Conturen der Glieder den Körper leben und sich 
bewegen zu sehen." Es scheint ihm also, womit auch jene Aeusse- 
rung über Proportionen im Einklang steht, ganz besonders auf ein 
lebendiges Erfassen der ganzen menschlichen Gestalt und nicht etwa 
blos auf den seelischen Ausdruck des Gesichts angekommen zu sein. 
Wir dürfen uns wohl der Vermutung eines unserer Kunsthistoriker 
anschliessen, dass Agricola's Arbeiten, wenn sie uns erhalten wären, 
die frühesten Zeugnisse für die Einwirkung der neuen italienischen 
Kunst auf Deutschland liefern würden. Beachten wir die Aeusse- 
rung des Heidelberger Biographen, schon seine Beschäftigung mit 
der Malerei sei ein mehr als genügender Beweis für sein Genie; wir 
sehen, dass in seiner Umgebung die Kunst nicht mehr als eine Spiel- 
art des Handwerks, sondern als eine höchst vornehme Tätigkeit 
betrachtet wurde. Agricola selbst aber nennt sie etwas Göttliches 
und Unvergängliches. 

Unter seinen humanistischen Landsleuten nimmt dieser Künstler 
freilich eine unverkennbare Sonderstellung ein. Er ist ein Mann 
für sich, wie es später von Erasmus heisst, ein humanistischer Frei- 
herr, dessen Natur sich nicht in das kleinliche Gebahren, in die red- 
liche Pedanterei der Uebrigen fügen mag. Denn schon in seinen 
Anfängen hat der deutsche Humanismus, sehr verschieden vom 
italienischen, sich mit Vorliebe der Schule zugewendet; an den Schulen, 



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12 

an den Universitäten sucht er sich einzubürgern und seine literari- 
schen Erzeugnisse besitzen fast durchweg einen stark pädagogischen 
Geschmack. Agricola hat nun dieser herrschenden Richtung auch 
seinen Tribut gezahlt, die Bestrebungen eines Langen und Hegius 
unterstützt und durch seinen Brief de forraando studio sogar einen 
Platz in der Geschichte der Pädagogik erworben, aber für seine 
Person mochte er von der Plackerei und dem Staub der Schule 
ganz und gar nichts wissen. Dafür hatte ihn sein italienisches Leben 
gründlich verdorben. „Eine Schule," sagt er, „ist etwas herbes, 
mühseliges, unerquickliches, widerwärtig anzusehen, mit ihren ewigen 
Prügelszenen einem Kerker zum Verwechseln ähnlich." 15 ) Seiner 
Neigung entsprach es allenfalls das Studium eines geistesverwandten 
Freundes zu überwachen und diesen, wie er scherzte, als ein Meister- 
stück seiner pädagogischen Kunst der Nachwelt zu hinterlassen, 16 ) 
aber vor dem Gedanken seine ganze Zeit und Kraft der gewissen- 
haften Dressur einer Knabenschaar zu widmen, schrak er zurück. 

Ebensowenig vermochte ihn die politische Carriere zu reizen, 
deren Glanz und Vorteile sich ihm lockend genug darboten. Als er 
kurze Zeit im Dienste seiner Vaterstadt Groningen stand und am 
Hofe des Erzherzogs Maximilian zu tun hatte, suchte ihn der 
burgundische Kanzler auf die schmeichelhafteste Weise für seinen 
Herrn zu gewinnen, 17 ) aber Agricola's Hang zur Ruhe und Freiheit, 
seine Scheu vor dem zerstreuenden Geschäftsleben war unüberwind- 
lich. In Ferrara wie in Heidelberg hat er allerdings öffentlich ge- 
sprochen, gelegentlich auch doziert und Disputationen mitgemacht, 
aber doch ohne sich durch förmliche Uebernahme eines Lehramtes 
zu binden. Höchst charakteristisch ist die grosse Zartheit und Vor- 
sicht, womit der Kanzler Dalberg, der seinen Freund genau kannte, 
ihn zur Uebersiedelung nach Heidelberg veranlasste. Hören wir 
Agricola's eigene Worte. „Dalberg sagte, er kenne meine Eigen- 
tümlichkeit, dass ich nur nach Freiheit strebe und mich nicht leicht 
unter einem fremden Willen ergeben würde. Ich solle daher in 



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13 

seinem Haus ganz nach meinem Sinn und meiner Gewohnheit leben 
wie daheim. Er wolle mir keine andere Verpflichtung auferlegen 
als die, ihm in seinen Studien behülflich zu sein, was ich, wie er 
überzeugt sei, gerne tun werde. Im Uebrigen sollte ich es ganz 
nach Gutdünken halten, kommen und gehen, kurz tun und lassen, 
was mir bequem sei. Der Kanzler, die gelehrte Welt Heidelbergs, 
der Kurfürst Philipp empfingen den berühmten und verwöhnten 
Mann mit offenen Armen; man empfand und pries es wie eine 
Gnade, dass er sich wirklich festhalten Hess. Und dennoch erschöpft 
er sich kurz darauf in den bittersten Klagen. „Ich tue, was mir 
beliebt, komme und gehe, arbeite und ruhe ganz nach meinem Gut- 
dünken; trotzdem bin ich, warum weiss ich selber nicht, so ungerne 
hier, dass es mir vorkommt, als hätte ich nie in meinem ganzen 
Leben einen so widerwärtigen Aufenthalt gefunden. Es wird mir 
schwer, mich an der Schwelle des Alters in die Sklaverei zu schicken ; 
man verlangt freilich keine Sklavendienste von mir, aber vielleicht 
liegt gerade darin der schwerste Zwang, dass ich mir selbst auf- 
legen muss, was man mir ersparen möchte. Eben diese Freiheit 
bringt mich nur in härtere Knechtschaft." 18 ) Es erscheint ihm 
schon als eine Last, sich an neue Gesichter und neue Verhältnisse 
gewöhnen zu müssen: er, der kaum Vierzigjährige, spricht wie ein 
Greis, der mit dem Leben abschliessen und nur ausruhen möchte. 
Und doch entbehrte seine Natur der Fähigkeit, irgendwo und irgend- 
wie zur Ruhe zu kommen. Kurz vorher hatte er von Antwerpen 
geschwärmt; es sei sein dringendster Wunsch, sich in dieser unver- 
gleichlichen Stadt niederzulassen. Kaum hatte aber ein dortiger 
Freund diesem Wunsch entsprochen und seine Berufung beim Rat 
glücklich betrieben, so zog sich Agricola zurück. Nun fiel ihm wieder 
in Heidelberg der horazische Vers ein: wer von der Heimat ver- 
bannt ist, der verliert sich selbst. Von seinem geliebten Italien hatte 
ihn die Sehnsucht nach Deutschland fortgetrieben. Jetzt fühlte er sich in 
die Barbarei zurückgestossen, selbst wieder zum Barbaren geworden. 



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14 

Agricola hat sein Ideal einer beata tranquillitas, eines völlig 
ungestörten Daseins nirgends gefunden. Ueberall musste er seine 
Freiheit bedroht sehen, denn schon der Schatten eines Anspruchs, 
den andere auf seine Zeit und Tätigkeit erheben konnten oder 
durften, war ihm unerträglich. Aber auch für seine heiligsten Inte- 
ressen, für das, womit es ihm voller Ernst war, ist er eigentlich nie 
als Kämpfer aufgetreten. Trotz seiner ausgesprochenen Hingabe an 
die neue Richtung der Studien mag er sich doch nicht in Streitig- 
keiten verwickeln; die Polemik, für manche Humanisten geradezu 
das Lebenselement, ist ihm in der Seele zuwider. Bei der Teil- 
nahme an öffentlichen Disputationen suchte er nur in freundlicher 
Weise nachzuhelfen und zu belehren ; das blosse Wortgefecht, obwol 
er sich darauf verstand wie einer, hatte keinen Reiz für ihn. Sogar 
die Veröffentlichung seiner eigenen Arbeiten erregte ihm schon ein 
gewisses Unbehagen. 19 ) Aber man würde diesem Liebhaber der 
Ruhe, des Noli me tangere, doch sehr Unrecht tun, wollte man ihn 
neben den Zeitgenossen, die sich ihr Leben lang in der Schule und 
im Amt plagten und durchschlugen, für einen weichlichen Egoisten 
halten. Er war der treueste Freund, der gefälligste wissenschaft- 
liche Berater, der liebenswürdigste Gesellschafter ; dass er sich dabei, 
wie wir sehen, gegen seine innersten Neigungen zwingen und zu- 
sammennehmen musste, erhöht nur den Wert dieser Vorzüge. Er, 
dem jede Rücksicht auf andere im Grunde peinlich war, ist geradezu 
ein Opfer seiner Pietät geworden, denn mit schwerem Herzen riss 
er sich von Rom, dem Gegenstand seiner Sehnsucht, rasch wieder 
los, nur um mit Dalberg zusammen die Rückreise nach Heidelberg 
anzutreten, die ihm den Tod brachte. 20 ) Er gewann es nicht über 
sich, seinem Gönner einen Wunsch vorzutragen, der diesen unan- 
genehm berühren konnte. Die starke Liebe zur Unabhängigkeit wie 
den Hang zu weltschmerzlichen Stimmungen teilt er mit seinem be- 
wunderten Petrarka, aber von der naiven Selbstsucht des grossen 
Italieners ist er weit entfernt. 



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15 

Von den ungesunden Zügen des Humanismus haben sich über- 
haupt wenige seiner Vertreter so frei erhalten, wie Agricola. Ge- 
rade unter den italienischen Humanisten waren Habgier und Ehr- 
geiz bis zur cynischen Leidenschaft, ekelhafte Streitsucht und wüste 
Frivolität nur zu sehr an der Tagesordnung. Von all diesen Flecken 
ist er unberührt geblieben, während er doch in italienischer Atmo- 
sphäre und kraft seiner echten Künstlernatur über die spiessbürger- 
liche Biederkeit und Plumpheit der deutschen Standesgenossen völlig 
hinausgewachsen war. Selten wol hat sich deutsches Wesen mit 
einer fremden Kultur so glücklich verschmolzen, wie in dieser 
Persönlichkeit. In einem Punkt hat er allerdings der italienischen 
Unsitte gehuldigt, ich meine die Schmeichelei gegen vornehme 
Mäcene; er hat kein Bedenken getragen, nicht nur in Ferrara den 
unbedeutenden Herzog Ercole, sondern auch in Pavia ein Scheusal 
wie Galeazzo Maria 21 ) in den Himmel zu erheben. Es ist dies 
eigentlich der einzige ernsthafte Vorwurf, den wir ihm machen 
dürfen. Denn jenes Uebermass des Individualismus, jene „mehr als 
billige Liebe zur Freiheit" lässt sich einer wirklich bedeutenden 
Natur als Vorrecht wol zugestehen. Dass er aber bei allem Ver- 
ständnis und aller Vorliebe für die höhere Kultur Italiens immer 
deutsch geblieben ist, das müssen wir ihm hoch anrechnen. Das 
Herz des Friesen hat sich auch im Ausland niemals von der Heimat 
abgewendet; Germania nostra ist sein Losungswort, ein siegreicher 
Kampf Deutschlands mit Italien um die geistige Hegemonie der 
Traum seines Lebens. 22 ) 

Es war nicht meine Absicht, ihm auf $ein Arbeitsfeld zu 
folgen. Die Verdienste des Humanisten um die Förderung der 
klassischen Studien, seine anregende Berührung der verwandten Ge- 
biete des Wissens, seine Stellung zu den religiösen Fragen, das Alles 
sollte hier ganz aus dem Spiel bleiben. Nur die Umrisse der Per- 
sönlichkeit wollte ich, soweit dies die spärlichen Nachrichten ge- 
statten, anschaulich machen. Er selbst hat es versäumt, sich ein 



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grossartiges literarisches Denkmal zu setzen. Aber die Liebe und 
Bewunderung der Zeitgenossen hat ihm die Grabrede gehalten und 
er, der keinen Feind hatte, darf mit gutem Recht den schönen 
Nachruf empfangen: 

Gratus omnibus, gravis nemini. 



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Anmerkungen. 



1) Erasmus, Dialogus cui titulus est Ciceronianus, ed. Basil. 1529 p. 169: 
„In Italia summus esse poterat, nisi Germaniain praetulisset.* Die Aeusserung 
ist freilich dem Ciceronianer Nosoponus in den Mund gelegt, aber Er. benützt 
diese Figur keineswegs nur als Träger der von ihm bekämpften philologischen 
Einseitigkeit, sondern auch zur Kundgebung seines eigenen Urteils über eine 
Reihe von Persönlichkeiten. 

2) Vgl. das Citat bei Voigt, die Wiederbelebung des klassischen Alter- 
tums II, 323 A. 2. 

3) Aus einer Relation des Ventura de Perusia Pontanus über den Einritt 
Erzh. Sigismunds zu Kostnitz 1459 (F reher, Scriptores II, 113). 

4) Vgl. Voigt, Enea Silvio de Piccolomini I. Vorrede. 

5) Dies tritt deutlich genug zu Tage in der noch unedirten Biographie 
Petrarkas (handschriftlich in den Bibliotheken zu Stuttgart und München, vgl. 
Serapeum X, 119; L. Geiger in der Zeitschrift für deutsche Kultur- 
geschichte III, 224 ff.); hier heisst es u. a. (cod. lat. Monac. 479): „Liber- 
tatis suae ainator, laudator alienae, nihilque turpius ducebat quam cum quisque 
rerum suarum esset acerrimus vindex, se ipsum alieno arbitrio addicere." Eine 
Parallele zwischen Petrarka und Agricola zieht Janssen, Gesch. des deutschen 
Volkes I, 50 ff. 

6) Es gibt, wenn wir von dem magern Artikel bei Trithemius ab- 
sehen, drei alte Biographien Agricola's. Die wichtigste ist von einem Schüler 
desselben, dem Kanonisten Johann von Pleningen (Plieningen) auf Anregung 
und jedenfalls mit Unterstützung seines mit Agricola schon in Italien innig 
befreundeten Bruders, des juristischen Professors Dietrich von PI. abgefasst 
und von Franz Pfeifer veröffentlicht (Serapeum X, 97 ff. ; 113 ff.). Eine 

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andere gab der Niederländer Gerhard Geldenhauer (Noviomagus) in seiner, 
soviel mir bekannt, nicht gedruckten Arbeit de illustribus Germaniae scriptori- 
bus; sie bildet die Hauptgrundlage der späteren aus Geldenhauer, Melauch- 
thon „et aliis" compilierten Biographie in den Effigies et vitae profes- 
sorum academiae Groningae et Omlandiae, Groningen 1654, p. 28 — 35 ; vgl. 
mit den Mitteilungen über die Löwener Burse zum Falken und über die Brüder 
Agricola's (p. 28, 33) Suffridus Petrus, de scriptoribus Frisiae decades 
XVI et semis, Köln 1593, p. 48 ff., der sich ausdrücklich auf Geldenhauer 
bezieht; derselbe als Hauptquelle angeführt bei Foppen s, Bibliotheca belgica 
IL 2, 1079 f.; Melch. Adam, Vitae Germanorum literis clariorum, Frkf. 1615, 
p. 13 ff. beruft sich auf Geldenhauer und Melanchthon. Diese bisher zitierten 
Anführungen Melanchthons gehen nun sämtlich auf eine Rede, de vita Rud. 
Agricolae, die ein gewisser Joh. Saxo aus Holstein im Jahre 1539 zu Witten- 
berg gehalten hat und die der Sammlung von Mel. Reden einverleibt worden 
ist (in JJretschn eider \s Corpus Reformatorum XI, 438 — 446). Der Redner 
führt als seine Quellen teils Agr. Schriften an, teils Mitteilungen von Leuten,* 
„qui meminerunt sermones senum , quibus in academia Heydelbergensi cum 
Rodolpho familiaritas fuit." Die Rede ist jedenfalls hauptsächlich auf Melanch- 
thon zurückzuführen, der in seinem Schreiben an den Herausgeber von Agricola's 
Schriften Alardus (Frkf. 28. März 1539) ebenfalls eine ausführlichere Charak- 
teristik Agr. giebt und sich auf das beruft, was er selbst in seinen jungen 
Jahren zu Heidelberg von Agr. Freunden Reuchlin und Pallas (Spangel) in Er- 
fahrung gebracht habe (Agric. Opp. ed. Colon. 1539, II, f 3). — Vgl. auch 
eine Angabe bei Regnerus Praedinius Frisius, Opera, Basel 1563, p. 198, 
der sich auf Mitteilungen von Zeitgenossen Agr. beruft und sagt: „ego et Wes- 
sen* et Agricolae vitam alio loco scripsi tt 

7) Pleningen lässt ihn XIII. Kai. Mart. 1444 „in vico Hagis* bei Groningen 
geboren werden, am 27. Oktober 1485 zu Heidelberg sterben, sagt aber 
an einer andern Stelle im Widerspruch hiermit: „annis sex et quadraginta, 
quibus vixit.* Die von Agricola's Freund und Landsmann, dem Mediziner 
Adolph Occo verfasste Grabschrift sagt: „vixit annos 42. menses 2; tt ebenso 
der päpstliche Sekretär Sigismundus Fulginas, der aber als Todestag den 28. Okt. 
1485 angibt (vgl. über ihn L. Jacobillus, Bibliotheca Umbriae, 1608, p. 251); 
Viglius Zwichem ab Aytta, der den Grabstein seines grossen Landsmanns in 
Heidelberg erneuern Hess: „obiit anno 1485. die XXVIII. Octobris; vixit annos 
XLII. menses 11/ In den Effigies heisst es wol nach Geldenhauer: „Wesselo 
annis viginti quatuor minor, circa annum 1442. in pago cui nomen est Baffloa 



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— natus," f 28. Okt. 1485. Bei Melanchthon (Saxo) heisst es: er starb „non 
multuro supra quadragesimum annum egressus." Meines Erachtens bietet die 
Angabe Occo's den sichersten Anhalt; hienach würde sich als Zeitpunkt der 
Geburt der August 1443 ergeben. v 

8) Vgl. Serapeum X, 102 („ut festis sacris ac statis organa pulsaret*); 
über die Beliebtheit niederländischer Musiker am Hof zu Ferrara Ambros, 
Gesch. der Musik II, 498. 

9) „Nam ut ab ipso corpore ordiamur, tametsi sciam a plaerisque sapienti- 
bus, quäle id sit, haud in magno poni discrimine — mihi tarnen poeta prae- 
cipuus non ociose dixisse videtur: Gratior est pulchro veniens e corpore virtus; 
nee ab re in veteri esse proverbio, cavendum ab his, quos natura notasset." 

10) Serapeum X, 106; Effigies p. 32. 

11) Melanchthon a. a. 0. 441 f. 

12) Vgl. Serapeum X, 102; 106; 113; Effig. p. 29; 32; Melanch- 
thon 442; in seiner 1476 zu Ferrara gehaltenen Rede bezeichnet er sich selbst 
als Musiker und der Herausgeber Alardus fügt bei: „Rodolphum rausices fuisse 
«allentissimum testantur numeri et cantica, quae eins nomine etiamnum circum- 
feruntur* (Agric. Opera ed. Alardus Köln 1539, II, 154; 163). Aus Gro- 
ningen schreibt er einmal : „neque vel cano vel psallo aut ullam partem illius 
studii attingo, ut videar aliquando mihi me ipsum perdidisse" (ebd. p. 214; 
über die Heidelberger Sänger p. 200; über Theorie der Musik und Orgelspiel I, 
452, 454 f.). Agricola wird als Musiker hochgerühmt in den Musicae in- 
stitutiones Ottmari Nachtgall (Luscinius), Strassburg (1515), f. a IIb. 

13) lieber sein Verhältnis zu den Frauen vgl. Serap. X, 114; Effig. 
p. 29; 32; Mel. a. a. O. 442; 445 und in Agric. Opp. II, f. f 3a; seine 
Aeusserungen über die Ehe ebd. p. 181 ; seine Aeusserungen gegen Barbirianus 
über dessen „ainores" p. 211; 214; die seltsamen, Petrarka in den Mund ge- 
legten Argumente gegen eine Heirat mit Laura, vgl. Geiger a. a. O. p. 226. 
Von der berüchtigten germanischen Neigung zum Trunk suchen ihn seine Bio- 
graphen freizusprechen (Serap. X, 106; Effig. p. 29), ob ganz mit Recht? 
Vgl. die entgegenstehende Erzählung bei Regnerus Praedinius p. 198 und 
4\e Aeusserung des Erasmus a. a. O., „nationis parum frugalis vita" sei dem 
Agr. hinderlich gewesen. 

14) Hierauf hat mit Recht aufmerksam gemacht A. von Zahn, Dürers 
Kunstlehre und sein Verhältnis zur Renaissance (Leipz. 1866) p. 28; die Stelle 
in Agric. Opp. II, 196; die Theorie der Künste erwähnt ebd. p. 195. Auch 
in der unten besprochenen Auslassuug über das Verhältnis von Theorie und 



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: 

Praxis in der Malerei kommt er auf die Proportionen : „quam multiplex in cor- 

poribus partium diversitas, quae forma, quis color cuiusque, quae omni um 

inter se commensio (si audebimus latine sie dicere, quod Graeci 

ovfAjueTQiav vocant), quis earum ordo, non modo ut nihil a natura distortum sit, 

sed ut dispositio earum motum quendam corporum animarumque repraesentet* 

(ebd. I, 451 f.). In seiner Biogr. Petrarka's sagt er einmal: „annitar tarnen — 

recensendo explicare [sc. ipsius gloriam], sicuti rudiores solent pictores extremis \ 

lineamentis designans.* Ueber seine künstlerische Tätigkeit vgl. vor Allem 

Serap. X, 113 f.; ausserdem Effig. p. 29; die Elogia in Agric. Opp. II, 

* 2b; Epigramme von ihm auf Gemälde ebd. p. 306; 313 f. 

15) Agric. Opp. II, 208; 215. 

16) Ebd. p. 208; 213. 

17) Ebd. p. 183 f.; 207; die Angabe Serap. X, 114 beruht wol auf 
einer Verwechslung Maximilians mit Karl dem Kühnen. 

18) Agric. Opp. II, 206; 215 f. 

19) Ebd. p. 176 f.; 275. 

20) Serap. X, 104 f. 

21) Agric. Opp. II, 142 f. 

22) Vgl. die berühmte Stelle ebd. p. 178; vgl. 179 f. 



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